Grussworte des Bürgermeisters Stefan Betz

Liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Gäste aus nah und fern,

Bürgermeister Stefan Betz
unsere Stadt feiert in diesem Jahr ein ganz besonderes Jubiläum. Vor 650 Jahren am 10. Januar 1356 verlieh Kaiser Karl IV die Stadtrechte für Gedern. Auch unsere Nachbarstadt Schotten wurde in diesen Jahren mit den Stadtrechten bedacht. Mit der Verleihung war das Privileg verbunden, Märkte abhalten und Stadtmauern errichten zu dürfen. Da es in den Folgejahren zu keiner Stadtbefestigung in Gedern mehr kommen sollte, konnte man sich dem Thema „Wirtschaftsförderung“ schwerpunktmäßig widmen. Schließlich vergingen 650 Jahre mit wechselvoller Geschichte. Gedern war zum Zeitpunkt der Stadtgründung bereits so groß, dass kein geschichtliches Ereignis es von der Landkarte zu tilgen vermochte. Andere Orte wie zum Beispiel das ehemalige Wernings, verschwanden.

Heute hat Gedern nach dem Stand der Wohnbebauung und der Anzahl seiner Bewohner die größte bisherige Ausdehnung erlangt.

Dennoch blicken manche Bürger mit Sorge in die Zukunft. Die Überalterung der Gesellschaft wird in den nächsten Jahren viele gesellschaftspolitische Probleme aufwerfen, für die es keine leicht zu findenden Lösungen gibt. Die Wirtschaftstätigkeit im ländlichen Raum ist in Teilbereichen von Stagnation und Rückgang gekennzeichnet. Gefahren durch die weltweit sich abzeichnende Klimaveränderung rücken näher.

Es gibt aber auch außerordentlich Positives zu erwähnen, das in der Geschichte seinesgleichen sucht: 60 Jahre ohne Krieg in einem demokratischen Staat leben zu dürfen, dessen Verfassung und Gesetze den Menschen vor dem Staat und den Menschen vor dem Menschen mit zuvor kaum erreichter Wirksamkeit schützt. Als die Bürger Gederns im Jahr 1956 ihr 600-jähriges Stadtjubiläum feierten, lag die Schreckenszeit des Dritten Reiches noch nicht sehr lange zurück. Dem Glaube an ein besseres Leben stand, bedingt durch das sich abzeichnende Wirtschaftswunder und eine neue Staatsform, nichts mehr im Wege. Es herrschte Aufbruchstimmung - vielleicht vergleichbar der Ankunft der Bevölkerung von Wernings vor etwas mehr als einem Jahrhundert in der neuen Welt.

Jetzt 61 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs dürfen wir dankbar zurückschauen und die lange Friedenszeit zugleich als Grundlage und Chance für die Zukunft sehen. Die Völker Europas rücken zusammen und bilden zunehmend eine große Gemeinschaft.

„Völkerfreundschaft zum Anfassen“ wird seit vier Jahrzehnten mit unseren Freunden im französischen Nucourt gelebt. Langjährige Freundschaften zwischen Familien sind grenzüberschreitend entstanden. Zur Begrüßung und zum Abschied fließt manche Träne. Über den Atlantik spannt sich das Band der Freundschaft mit Columbia in Illinois, wo im Jahr 1842 Auswanderer von Wernings Fuß fassten. Schließlich ist in den letzten Jahren die Städtepartnerschaft mit Polanow in Polen hinzugekommen. Von großartigen Momenten beim ersten Besuch wird noch heute in Gedern jedem erzählt, der sich bei den Teilnehmern dieser Reise erkundigt. Die Freundschaft wird weiterhin auf beiden Seiten mit Überzeugung und Hingabe gepflegt.

Als Bürgermeister habe ich in unseren Tagen noch Gelegenheit, anlässlich von Geburtstagen mit deutschen Männern zu reden, die am Ende des zweiten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Viele von ihnen hatten eine schlimme Zeit erlebt, so wie übrigens auch Kriegsgefangene anderer Nationen in Deutschland. Ich habe aber auch ein paar „wundervolle“ Geschichten erzählt bekommen, die den Beweis erbringen, dass nicht die nationale Herkunft, sondern die Gesinnung der Menschen den Ausschlag für ihr Handeln gibt.

So haben mir u.a. deutsche Kriegsgefangene in Frankreich und England davon berichtet, dass sie als Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft Familien zugewiesen waren, die sie wie eigene Familienmitglieder behandelt und geachtet hatten. In vielen Fällen stellte sich nach Beendigung der Gefangenschaft sogar die Frage, ob man nun „Franzose“ oder „Engländer“ mit deutscher Herkunft werden und bleiben wolle. Auch wenn der Ruf der Heimat für manchen stärker war, so schloss das nicht aus, dass Menschen und Familien beider Nationen sich bis in unsere Tage noch besuchen. Das Alter dieser Menschen liegt zwischen 78 und 90 Jahren. Sie fühlen sich miteinander verbunden wie Geschwister, die schwere Zeiten in vergleichbarem Lebensalter gemeinsam bewältigt haben.

Als Bürgermeister in Gedern folge ich meiner Berufung, Menschen zuzuhören. - Wer zuhören kann, öffnet die Herzen der Menschen und er wird eine ebenso wundervolle Entdeckung machen: Er wird dabei auch einen Teil von sich selbst entdecken.

Zu einem Jubiläum gehören natürlich nicht nur Momente der Besinnung. Wir dürfen auch feiern und sind dann mitunter „von Sinnen“. Ich wünsche allen das persönlich verträgliche Maß und Spaß.

Die Jubiläumsfeierlichkeiten in der Zeit vom 11. August bis zum 10. September 2006 sind mit einer Vielzahl von interessanten Veranstaltungen verbunden. Ihre Vorbereitung und Durchführung verdanken wir dem Engagement zahlreicher Gederner Bürgerinnen und Bürger. Dafür bedanke ich mich im Namen des Magistrats der Stadt recht herzlich und hoffe, dass gutes Wetter und das Interesse der Bürgerinnen und Bürger der Stadt an Ihrem Stadtjubiläum als weiterer Dank hinzukommen mögen.

Ihr Bürgermeister

Stefan Betz