Geschichte Gederns von 1981 bis 2006
Vom Geschichtskreis Gedern
(verantwortlich Harald Warnat u. Erhard Müth)Bürgermeister Walter Merle (Bürgermeister 1958 – 1982, SPD) schreibt in der Festschrift zum Jubiläum 1981 unter anderem über die Probleme mit der Sicherstellung der Trinkwasserversorgung, über die Aufnahme von Flüchtlingen nach dem 2. Weltkrieg und die spätere starke Abwanderung von Einwohnern in das Rhein-Main-Gebiet. Er erwähnt den Ruf Gederns als Erholungsort, vor allem aufgrund des Gederner Sees, und spricht den Strukturwandel an, der insbesondere durch die 1956 beschlossene Flurbereinigung möglich geworden sei. Zu ergänzen ist diese Schilderung noch um die Entwicklung zur Großgemeinde Anfang der siebziger Jahre, indem sich die Orte Ober-, Mittel- und Nieder-Seemen, Wenings und Steinberg im Rahmen der Gebietsreform in Hessen mit Gedern zusammen schlossen. Burkhards, Kaulstoß und Sichenhausen wurden gegen ihren Willen durch Beschluss des Landes von Gedern wieder getrennt und Schotten zugeschlagen.
1982 wählte ein bürgerliches Bündnis von CDU und FWG den 31-jährigen Rainer Schwarz (CDU) zum neuen Bürgermeister. Als dieser im Sommer 1993 zum 1. Kreisbeigeordneten des Wetteraukreises gewählt wird, gewinnt Wolfgang Zenkert (CDU) im Herbst in der ersten Direktwahl knapp. 2005 schließlich tritt Stefan Betz (parteilos, gebürtig in Nidda) gegen zwei weitere Bewerber an; er gewinnt in der Stichwahl auch wieder nur mit wenigen Stimmen Vorsprung.
Der von Bürgermeister Merle 1981 angesprochene Strukturwandel hat sich bis heute fortgesetzt und dauert an. Er hat eine große Zahl von Einzelhandelsgeschäften und Handwerkern zur Aufgabe gezwungen. An ihre Stelle sind Einkaufsmärkte am Stadtrand getreten, manches Angebot ist in Gedern aber auch nicht mehr oder nur noch eingeschränkt zu finden. Trotzdem ist Gedern ein attraktives Städtchen zum Einkaufen geblieben. Die Schließung von Baugeschäften und Sägewerken in der Großgemeinde hat viele Menschen gezwungen, weite Wege zum Arbeitsplatz, insb. in die Wetterau und in den Rhein-Main-Ballungsraum, in Kauf zu nehmen. Andererseits wurden neue Arbeitsplätze, vor allem für Frauen, in Alten- und Pflegeheimen geschaffen.
Ein großer Arbeitgeber ist die Firma Niedecker geworden, die 1962 im ehemaligen Bullenstall einen Zweigbetrieb ihres Frankfurter Unternehmens eröffnete und inzwischen am Stillhof auf großer Fläche als Poly-clip System GmbH & Co. KG produziert. Durch Abspaltung des Flugzeugteilebaues entstand daraus außerdem die Präzisionstechnik Gedern GmbH, die inzwischen vom belgischen Asco-Konzern übernommen und in Asco Deutschland GmbH umbenannt wurde.
Im Übrigen ist der Gederner See mit seinem Campingplatz ein bedeutender Faktor im Tourismus geblieben. Der Vulkanradweg auf der ehemaligen Bahntrasse und der neue Wanderweg „Vulkanring“ um den Vogelsberg, der das Seegebiet einbezieht, bieten Ansätze zu weiterer touristischer Entwicklung.
Seit 1888 verkehrte die Eisenbahn von Stockheim bis Gedern. Vor 100 Jahren, am 1. April 1906, wurde ein weiteres Teilstück erschlossen: die Strecke Gedern-Grebenhain. Somit war der Anschluss an die 1901 bereits in Dienst gestellte Verbindung Grebenhain-Lauterbach gegeben und der Vogelsberg konnte wirtschaftlich und touristisch besser erschlossen werden. Die so genannte Oberwaldbahn, Stockheim-Gedern-Lauterbach, stellte jedoch schon 1975 den Personenverkehr ein. Der Güterverkehr wurde noch 10 Jahre aufrecht gehalten. 1984 wurde diese Strecke vollkommen stillgelegt und alsbald abgebaut.
Während im Vogelsbergkreis schon einige Jahre vorher auf der Bahntrasse der „Vulkanradweg“ gebaut und auch von Inlineskatern und Fußgängern genutzt wurde, erfolgte die Verlängerung in den Wetteraukreis seit 2002. Im Frühjahr 2003 wurde die Lücke zwischen Gedern und Hartmannshain geschlossen. So dient die ehemalige Bahntrasse nun in anderer Funktion der Entwicklung unserer Region.
Die Entwicklung der Baulandpreise von ca. 100 DM/qm in Größenordnungen von mehr als 200 Euro/qm, also ca. 400 DM nach alter Währung, bis in die Wetterau hinein lässt viele Bauwillige aus dem Ballungsraum in unsere Gegend kommen und ihre Häuser bauen. Daneben ist die jahrzehntelange gute Entwicklung der Einkommen Anlass, dass die Kleinfamilie ihr eigenes Domizil sucht und sich von der Großelterngeneration separiert. So ging die Ausweisung von Baugebieten in Gedern mit dem Alten Berg, dem Rülles und der oberen Marktstraße kräftig weiter; außerdem wurde im Bereich des alten Bahnhofes ein Gewerbegebiet entwickelt. Dies wie auch die erhöhten Anforderungen im Gewässerschutz führte dazu, dass Gedern zig Millionen DM bzw. inzwischen Euro in den Kanal- und Kläranlagenbau stecken musste. Gedern ist inzwischen auch mit Erdgas versorgt; die Kraft-Wärme-Kopplung wird beispielweise im Bereich des Schlosses und des Krankenhauses genutzt, indem mit Erdgas betriebene Generatoren Strom erzeugen und die Abwärme mehrere Gebäude beheizt.
Auch in der Landwirtschaft vollzog sich ein starker Strukturwandel. Waren in den 50er Jahren Betriebe um oder unter 10 ha die Regel, so hatten sie sich in den 80ern schon in Richtung 30 ha und mehr entwickelt, während viele Kleinbauern aufgaben und im Baugewerbe etc. neue Arbeit fanden. Heute sind neben wenigen Nebenerwerbslandwirten Betriebe mit 100 ha und mehr an der Tagesordnung; sie halten teilweise mehr als 100 Milchkühe in Laufställen und haben ihre Felder oft im Umkreis bis zu 20 km um ihren Hof.
Die Forstwirtschaft unterliegt ebenfalls starken Veränderungen. Ob die verstärkt wirtschaftliche Betrachtungsweise dem Wald schaden könnte, wird heftig diskutiert. Privatunternehmer mit Großmaschinen ernten den Wald ab und hinterlassen oft hässliche Wüsten, wo man sich fragt, ob hier Neuanpflanzungen gut gedeihen können. 1990 im Winter wurde der Wald durch mehrere orkanartige Stürme, insbesondere „Wibke“, schwer geschädigt; allein im städtischen Wald in der Großgemeinde fielen 60.000 fm Holz um, das entspricht zwölf normalen Jahreseinschlägen!
Der Herbst 1989 und das Jahr 1990 waren auch die Zeit der Wende und der Wiedervereinigung Deutschlands. Entscheidend war der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. In dieser Zeit wie auch noch Anfang der 90er Jahre kamen nach Gedern viele Übersiedler aus der (ehemaligen) DDR und suchten Arbeit und Wohnraum, das förderte u.a. die Entwicklung des Baugebietes Alter Berg. Die Kontakte zu Wernigerode, dem früheren Hauptsitz der in Gedern lange Zeit herrschenden Grafen bzw. Fürsten zu Stolberg-Wernigerode, wurden neu aufgenommen und es kam zu einigen Besuchen der Gederner im Nordharz. Eine enge Verbindung entwickelte sich nicht, denn Wernigerode ist als Kreisstadt wesentlich größer als Gedern und spielt sozusagen „in einer anderen Liga“.
Die Öffnung des 45 Jahre lang kommunistischen Osteuropa beschleunigte den Prozess der Europäisierung und hinterließ auch in Gedern Spuren, indem 2004 eine Städtepartnerschaft mit Polanow, Polen, etwa 40 km östlich des früher deutschen Köslin, vereinbart wurde. Schon mehr als 10 Jahre vorher hatten sich jedoch US-Bürger aus Columbia in Illinois und Umgebung auf die Suche nach ihren Wurzeln gemacht und festgestellt, dass die Vorfahren einiger Mitte des 19. Jahrhunderts aus unserer Gegend, vor allem aus Wernings, ausgewandert waren. So kam es am 29. April 1992 zum Beschluss einer Städtepartnerschaft mit Columbia und zur Gründung von Verschwisterungsvereinen, die seitdem regelmäßige Besuche und Gegenbesuche organisieren.
Einen Tag werden die Gederner Bürger auch nicht so schnell vergessen:
Dienstag, den 26. Oktober 2004 – die Kirche brennt!
In den frühen Abendstunden wurde zum Glück noch rechtzeitig der Brand im Kirchenschiff entdeckt, so dass die Feuerwehr noch rettend für das Gebäude eingreifen konnte. Trotzdem war der Schaden enorm und die Kirche konnte erst wieder am Palmsonntag, den 20. März 2005, für Gottesdienste benutzt werden. In dieser Zeit mussten räumliche Alternativen gefunden werden. Einmalig war dann auch der Gottesdienst am Kirchweihsonntag, den 7. November 2004, der im Feuerwehrgerätehaus abgehalten wurde. Dieser Platz war bewusst als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber den Feuerwehrleuten auserwählt worden. An den anderen Tagen fand er im Gemeindehaus statt. Eine weitere Ausnahme war Weihnachten: hier traf man sich in der katholischen Kirche. Das dürfte auch einmalig in der Gederner Kirchengeschichte gewesen sein.
Wichtig ist die Erwähnung einiger Ereignisse, die überregionale Bedeutung wie auch Ursachen hatten. Da ist zunächst das Gederner Bezirkskrankenhaus zu erwähnen, das gemäß Bescheid aus 1981 ab 1985 aus dem Bettenbedarfsplan des Landes Hessen genommen und nicht mehr gefördert wurde. Unterschriften- und Spendenaktionen, Podiumsdiskussionen und eine Demonstration im November 1984 in Wiesbaden - 30 Busse fuhren in die Landeshauptstadt! - nutzten nichts. So gingen am 28. Febr. 1985 die Lichter im Krankenhaus aus. Der fortdauernde Protest aus Gedern und Umgebung und das Versprechen der Wiedereröffnung von CDU und FDP brachten jedoch den Umschwung. Die beiden Parteien gewannen überraschend und vielleicht auch durch ihr gutes Abschneiden in unserer Region die Landtagswahl im April 1987. Es dauerte zwar noch bis zum August 1989, bis das alte Haus abgerissen wurde, um ein neues 30-Betten-Haus, die Schlossbergklinik, zu errichten. Die Einweihung erfolgte am 7. August 1992. Politisch führte die Schließung des alten Hauses zu einer Spaltung der Gederner SPD, die sie 1985 von rund 40 % auf nur noch 25 % der Wählerstimmen zurück warf. Die ausgetretenen ehemaligen SPD-Mitglieder begründeten die Unabhängigen Bürger Gedern (UBG) und erreichten rund 15 %.
Das Jahr 1987 brachte Gedern aber auch mit einem unerfreulichen Thema in die Schlagzeilen. Gedern wurde rechtsradikaler Umtriebe bezichtigt und stand deshalb deutschlandweit und darüber hinaus in den Schlagzeilen. Ausgelöst wurde dies durch einen Patientenprotest gegen einen Arzt jüdischen Glaubens in der unsäglichen Art des Anbringens von NPD-Aufklebern in Form eines Davidsterns an der Fensterscheibe seiner Praxis. In Demonstrationen, die überregional organisiert wurden, wurde Solidarität mit dem Arzt bekundet, gleichzeitig aber Gedern pauschal in die rechte politische Ecke gestellt. Zu allem Unglück stand das historische Bergwirthshaus, das der Arzt gekauft hatte, am 22. April in Flammen; der Brandstifter konnte nie ermittelt werden.
Die Einwohner Gederns fühlten sich aufgrund der Vorwürfe des Rechtsradikalismus zu Unrecht verunglimpft und reagierten zwiespältig; der Arzt zog wegen mangelnder Solidarität, wie er sich äußerte, im Herbst 1987 nach Nordhessen. Gedern bemühte sich, den Vorwürfen des Rechtsradikalismus entgegen zu wirken und zu zeigen, dass man die Geschichte des Holocaust und des Nationalsozialismus nicht verschweigt oder verfälscht. Im Frühjahr 1988 unternahm eine Gruppe Jugendlicher eine neuntägige Fahrt nach Israel, die von der Stadt gefördert wurde und ihnen die Geschichte des Holocaust und des Staates Israel näher brachte. 1991 gab der Magistrat der Stadt Gedern ein Buch mit rd. 230 Seiten von Thomas W. Lummitsch heraus, das die Geschichte des jüdischen Lebens in Gedern von den Anfängen bis zu seinem Ende im Nationalsozialismus ausführlich beschreibt. Die Wahlergebnisse in Gedern zeigen, dass es keine rechtsradikale Strömung in Gedern gibt. Das Bergwirthshaus wurde 1992 von einem Gederner Bürger erworben und saniert; es dient heute zusammen mit neu errichteten Nebengebäuden verschiedenen Freiberuflern als Büro und beherbergt einige Wohnungen.
Und auch für das unser Gedern in vieler Hinsicht prägende Schloß war 1987 bedeutsam: Seit 1985 hatte die CDU/FWG-Mehrheit in den städtischen Gremien den Ankauf des Schlossareals befürwortet; mit Städtebaufördermitteln sollte die Stadtverwaltung hierher verlegt werden und darüber hinaus ein Hotel entstehen. Im Sommer 1987 konnte der Vertrag geschlossen werden; zum 1. August wurde die Stadt Eigentümerin. Auch wenn durch die Wiedervereinigung und den erheblichen Sanierungsbedarf in Mittel- und Ostdeutschland die Städtebauförderung in den 90er Jahren zurück ging, konnten Stadtverwaltung und Schlossrestaurant mit Hotel in 1997 in das sanierte Schloß einziehen. Die Sanierung der Nebengebäude ist noch im Gange. Dank des Einsatzes des Geschichtskreises konnten die alte Schmiede und die Remise bislang vor dem Abriss bewahrt werden. Seit dem Ankauf des Schlosses wird immer wieder darüber diskutiert, ob man im Schlossbereich eine Stadthalle errichten sollte oder ob ein anderer Standort vorzuziehen wäre. Aus Gründen der Finanzknappheit ist dieses Thema aber Zukunftsmusik – vielleicht für das übernächste Jahrzehnt!
Mit diesem Gedanken an die Zukunft schließen wir die Betrachtung der jüngsten Vergangenheit ab. Mögen auch die nächsten Jahre Gedern wachsen und gedeihen lassen!
|
|