Geschichte des Stadtteils Wenings
Wenings, eine alte Stadt
Hans Erich KehmWenings, im Jahre 1187 erstmals urkundlich in einem Besitzverzeichnis der Johanniter zu Nidda erwähnt, ist aus Ansiedlungen in der Zeit zwischen 400 bis 800 n. Chr. entstanden. Von der Wetterau aus, die wegen ihres fruchtbaren Bodens schon vor der Römerzeit besiedelt war – und wie wir heute wissen, mit der Keltensiedlung auf dem Glauberg eine zentrale Funktion für unsere Gegend hatte – zogen die ersten Siedler den Flusstälern folgend in die weitgedehnten Bergwälder des Vogelsberges. Hier fanden sie mehr als genügend Holz und Wild und vor allem den sehr begehrten Eisenstein. Das daraus gewonnene Eisen brauchte man dringend zur Herstellung von Werkzeugen und Waffen. Es hat aber sicher Jahrhunderte gedauert, bis aus den vereinzelten Waldschmieden Siedlungen und Dörfer wurden.
Die Gemarkung Wenings im Tal der Bleiche gehörte schon frühzeitig den Herren von Büdingen, die an diesem Besitz wegen seines hohen Eisenvorkommens großes Interesse hatten. Sie erbauten hier ein festes Haus, das als Vorläufer der mittelalterlichen Burg gilt. Wenings wuchs im Mittelalter zu einem ansehnlichen Dorf heran und wurde aus Sicherheitsgründen mit einem Hain und einem Graben mit bepflanztem Wall umgeben. Daran erinnern noch heute die Gemarkungsnamen »Am Hain«, »Am Wolfhain«, »Bomgraben« u.a.. Der Hain war, nach Berichten aus dieser Zeit »über 100 Schritte breit und so dicht, dass einer nicht durchkriechen konnte«, und es befanden sich bis ins 16. Jahrhundert Wölfe darin.
Im Jahre 1336 gelang es Luther zu Ysenburg und Büdingen (1286 bis 1340), das Stadtrecht für sein Dorf Wenings zu erlangen. Am 29. Mai 1336 besiegelte Kaiser Ludwig der Bayer in Frankfurt die Urkunde, die lautet:
„Wir Ludwig von Gottes Gnaden Römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reiches verkünden öffentlich mit diesem Brief, daß wir durch besondere Liebe, die wir haben zu dem edlen Manne Luther von Ysenburg, unserem lieben Getreuen, um seiner Bitte willen, den bescheidenen Leuten in dem Dorf Wenings, unseren lieben Getreuen, die besondere Gnade getan haben und tun auch mit diesem Brief von unserer kaiserlichen Gewalt also, daß alle die, die in dem vorgenannten Dorfe sitzen, alle die Rechte, Freiheit und alte Gewohnheit haben und genießen sollen, die unser und des Reichs Stadt Gelnhausen hat und von alters hergebracht hat. Zu Urkunde geben wir diesen Brief, der versiegelt ist mit unserem kaiserlichen Insiegel, der gegeben ist zu Frankfurt des mittwochs nach der Pfingstwoche, da man zählte von Christus Geburt dreizehnhundert Jahre und in dem sechsunddreißigsten Jahr, in dem zweiundzwanzigsten Jahr unseres Reiches und in dem neunten des Kaisertums“
(29. Mai 1336)
Das Original der Urkunde befindet sich heute im Fürstlich Isenburgischen Archiv im Schloss Birstein.
Mit dem Stadtrecht wurde das Recht erteilt Befestigungsanlagen zu errichten. Es dauerte über 100 Jahre, bis die Stadt mit Mauern, fünf Türmen und drei mächtigen Torbauten umgeben war. Die befestigte Stadt Wenings wurde in den kriegerischen Zeiten des 14. und 15. Jahrhunderts zu einem wichtigen Schutz und Zufluchtsort für die Bevölkerung der ganzen Umgebung. Wenings zählte zu dieser Zeit schon etwa 400 Einwohner und war Sitz des Landgerichts für die umliegenden kleineren Dörfer Wernings, Floßbach, Merkenfritz (hier befanden sich bis zu sieben Weningser Mühlen), Gelnhaar (zur Hälfte, die andere Hälfte gehörte zur Hanauer Grafschaft) und Bindsachsen (Ortsteil am Lindenberg), dazu die Dörfer des Gerichts Wolferborn (restliches Bindsachsen, Michelau, Rinderbügen, Kefenrod, Hitzkirchen, Helfersdorf und llnhausen).
Eine kleine Kapelle, die wahrscheinlich schon im 12. Jahrhundert vorhanden war, wurde in den Jahren 1351 bis 1357 den Bedürfnissen der sich ständig vergrößernden Einwohnerzahl angepasst. Die Kapelle wurde Johannes dem Täufer geweiht, den wir als Schutzpatron im ältesten Stadtsiegel finden und der im heutigen Stadtwappen symbolisiert dargestellt ist (Wappenschild mit dem Lamm des Johannes mit dem Kreuzesstab auf rotem Grund, darunter die beiden schwarzen Balken auf weißem Grund, die Farben des Hauses Ysenburg). Das Glasmosaik im Chorfenster der Kirche stellt ebenfalls Johannes den Täufer dar.
Seit der Reformation gehörte die Weningser Bevölkerung dem evangelischen Glauben an. Zwei Umbauten in den Jahren 1720 und 1770 gaben der Kirche ihr jetziges Aussehen. Nachdem 1679 der erste Jude nach Wenings kam, wuchs die Anzahl der jüdischen Mitbürger stetig an (z. B. 1830: von 780 Einwohnern waren 74 Juden). Daher wurde im Jahre 1877 eine Synagoge gebaut, die im Jahr 1938 zerstört wurde. In Folge des Zweiten Weltkrieges kam mit den Heimatvertriebenen eine große katholische Kirchengemeinde nach Wenings. 1952 gelang es dem katholischen Pfarrer May die Ruine der jüdischen Synagoge zu kaufen und umzubauen. Am 28. Mai 1958 wurde die ehemalige Synagoge als katholische Kirche „Maria, Königin des Friedens“ geweiht. Die feierliche Weihe wurde unter großer Anteilnahme der Weningser Bevölkerung in Vertretung des erkrankten aber trotzdem anwesenden Bischofs von Mainz Albert Stohr von Missionsbischof Gratian Grimm vorgenommen. Es folgten im Jahr 1997 eine Modernisierung und der Einbau einer neuen Orgel.
In der Mainzer Stiftsfehde (1460 bis 1463) wurde durch die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Diether von Ysenburg und Adolf von Nassau um den erzbischöflichen Stuhl in Mainz unsere Gegend hart mitgenommen. Die Weningser Mauern hielten den Angriffen stand, jedoch das Nachbardorf Floßbach wurde 1462 bis auf die Kirche und einige Häuser zerstört. Die Bewohner siedelten sich in Wenings neu an, die Kirche zerfiel im Laufe der Zeit und ist heute als »Stumpfe Kirche« nur noch an Mauerresten zu erahnen. 1859 ließ der Weningser Pfarrer Stromberger die heute noch dort stehenden Fichten anpflanzen. Die Floßbacher Glocke brachte man nach Wenings, wo sie noch heute neben anderen geläutet wird. Sie wurde bereits im 12. Jahrhundert gegossen und ist eine der ältesten und bedeutendsten Hagelglocken Deutschlands. Sie wurde bei herannahendem Unwetter geläutet und trägt die lateinische Inschrift: „NE FRUGES LEDAT ME GRANDO SONAN RECEDAT“ (frei übersetzt) »Möge, wenn ich ertöne, der Hagel weichen, auf dass er nicht die Früchte verletze«.
Wie sehr die Weningser mit ihrer Stadt verbunden waren und ihre Rechte durchzusetzen wussten, wird besonders deutlich in der „Rebellion der Stadt Wenings gegen ihre Landesherrschaft“ von 1596 bis 1603. Als man ihnen die in der Stadtrechtsurkunde verbrieften Rechte aberkennen wollte, gingen sie gegen Graf Wolfgang Ernst I von Ysenburg und Büdingen vor („die Weningser, sie huldigen nicht!“). Es kam zu schweren Auseinandersetzungen und zu einem Prozess vor dem Reichskammergericht in Speyer, der mit einem Vergleich und der Wiedereinsetzung der Privilegien im Jahr 1603 endete.
Im 18. Jahrhundert baute Graf Moritz von Isenburg und Birstein sein Schloss »Moritzstein« an der nördlichen Ecke der Stadt über die ganze Länge der heutigen »Amthofstraße«. 1811 verkauften die Herren das zum Teil verfallene Schlossgelände an mehrere Bauernfamilien. Die Bauten wurden abgerissen und an deren Stelle neue Hofreiten errichtet. Der Wappenstein über dem Hauptportal des Schlosses ist noch erhalten und in der Kellermauer des Hauses Böck eingemauert. Ein weiterer Teil, das „Gräfin Ernestinen-Haus“, musste 1955 dem Straßenbau weichen. Erhalten blieb nur das Burgmannenhaus, das man heute kurz den »Moritzstein« nennt.
Bis zum Dreißigjährigen Krieg konnte man sich in Wenings doch eines für die Zeit beachtlichen Wohlstandes erfreuen. Nicht zuletzt füllte auch das Braurecht die Weningser Stadtkasse. Das Brauhaus, im 15. Jahrhundert auf der Südseite der Stadtmauer gebaut, wurde später als Amts und Gerichtshaus, mit einem Gefängnis im Keller, genutzt. Die Steinbänke im Gefängniskeller sollen bis vor einiger Zeit vorhanden gewesen sein. Noch heute sind an den Fenstergesimsen drei verschiedene Steinmetzzeichen von Werkmeistern aus der Bauzeit erhalten.
Wenings hat unter den schlimmen Begleiterscheinungen des Dreißigjährigen Krieg, wie Lieferungen an die Truppen, Einquartierungen, Hunger und Pest, sehr gelitten. Daran konnte auch der Brief des Königs Gustav Adolf von Schweden vom 22. November 1631 nichts ändern, in dem er den „Bewohnern von Wenings und Umgegend besonderen Schutz“ angedeihen ließ. Von den 100 Familien, die vor dem Krieg in Wenings lebten, waren nach dem Friedensschluss 1648 nur noch 29 da. Der zähe Wille der Bevölkerung, Fleiß und Sparsamkeit ermöglichten es, dass die zerstörten Häuser wieder aufgebaut und die Felder in Ordnung gebracht wurden. Es dauerte aber bis Mitte des 19. Jahrhunderts, bis der alte Bevölkerungsstand wieder erreicht wurde.
Bereits 1746 wurde von der Weningser Bevölkerung eine Feuerspritze angeschafft, um den ständigen Bränden besser begegnen zu können. Sie wurde von den Weningsern mit vier bis sechs Pferden bis in weit entfernte Dörfer gebracht (z.B. 1800 nach Hellstein und Völzberg, 1802 nach Wettges). »Stützpunktfeuerwehren« sind also keine Erfindung unserer Tage, sondern wurden bereits schon vor ca. 260 Jahren in unserer Gegend praktiziert.
Bedingt durch das rauhe Klima des Vogelsberges waren die Ernten nicht immer zufriedenstellend und ausreichend. Im 19. Jahrhundert verschlechterte sich die Lage der Bevölkerung zusehends. Die herrschende Dreifelderwirtschaft ließ eine intensive Bodenbewirtschaftung nicht zu, künstlichen Dünger gab es nicht und die landwirtschaftlichen Geräte waren noch primitiv. Kriegsschulden, Zehnten und viele andere Abgaben lasteten schwer und hemmten die Fortentwicklung. Erbteilungen machten viele Betriebe lebensunfähig. Als noch jahrelange ungünstige Witterung und Viehseuchen dazukamen, suchten viele Bauern des Vogelsberges ihr Glück in der »Neuen Welt« (überwiegend in Nordamerika, aber auch vereinzelt in Russland oder Brasilien). Sogar ganze Dörfer wanderten aus, so war es 1842 das Nachbardorf Wernings, wo die Bewohner Haus und Hof und sämtliches Gemeindeeigentum an den Grafen Solms Laubach verkauften und nach Illinois und Pennsylvania in den USA gingen. Die heutige Verschwisterung von Gedern mit Columbia/Illinois geht auf die Auswanderung der Werningser Bevölkerung zurück, denn es hat heute in Amerika schon eine gewisse Tradition sich an die Wurzeln seiner Herkunft zu erinnern („Back to the Roots“). Das Dorf Pferdsbach bei Büdingen folgte 1847 dem Beispiel von Wernings und auch in Wenings liefen Vorbereitungen für eine Auswanderung an. 60 Einwohner verpflichteten einen Makler, ihr Hab‘ und Gut zu verkaufen; einen Gemeindewald, den „Gerhardsschlag“, hatte man bereits an die Firma Buderus, Hirzenhain, verkauft. Die Hessische Regierung genehmigte allerdings die Auswanderung aus Sorge um den Bestand der Bevölkerung und der Landwirtschaft nicht. Trotzdem wanderten immer wieder einzelne Familien aus.
Schon 1466 wird in Wenings eine Schule erwähnt. Der Schulunterricht wurde, wie zu dieser Zeit üblich, von dem Glöckner oder einem anderen kirchlichen Bediensteten gehalten. Bereits 1709 erhält Wenings einen »studierten« Lehrer, der sogar auch Latein unterrichtete. Die Mädchen und Jungen gingen in verschiedene Schulen. Die Mädchenschule befand sich zuerst in der Hintergasse (Haus August Flach) und dann im Gräfin Ernestinen Haus, die Knabenschule im Eckhaus zur Schlossgasse gegenüber der alten Schmiede (beide inzwischen abgebrochen) und später im städtischen Gasthaus (am Rathausplatz). Bis 1832 war der Lehrer auch gleichzeitig Stadtschreiber. 1836 wurde die Verwaltung der beiden Schulen zusammengelegt, aber noch in den alten, getrennten Räumen unterrichtet. Die räumliche Zusammenlegung konnte erst mit dem Bau des Schulhauses 1902 vorgenommen werden. Das Schulhaus mit seinen drei Klassenräumen und drei ehemaligen Lehrerwohnungen beherbergt heute noch die Grundschule (vier Schuljahre), während die älteren Kinder in der Gesamtschule in Gedern unterrichtet werden.
1883 wurde in Wenings eine „Post-Agentur“ eröffnet. Vermutlich war dies im Hause Sillmann, denn dort wurde später um 1920 eine richtige Poststelle eingerichtet. Nach mehreren Umzügen wurden am 27. Juni 1988 neue Räume in der Burgstraße 6 (ehem. Geschäft Grandhomme/Nickel) durch den damaligen Postminister Dr. Schwarz-Schilling eingeweiht. Der allgemeine Nachfragerückgang bei der Post führte 1995 zur bundesweiten Einführung von selbständigen „Post-Agenturen“ (erneut unter dem Begriff „Agentur“ wie im 19. Jahrhundert). Am 30. Januar 1995 wurde in Wenings eine Post-Agentur mit allen Dienstleistungen der Post (Postbank, Telekom und Deutsche Post AG), die bisher von der Poststelle wahrgenommen wurden, im Lebensmittelgeschäft Hans Erich Kehm eröffnet. Im Zuge der weiteren Schließung von Postdiensten auf dem Lande wurde am 20. Februar 2004 das Angebot auf die „gelbe“ Post (keine Postbank, keine Telekom) beschränkt und am 30. September 2004 zog sich die Post ganz aus Wenings zurück. Dies bedeutet, dass die Kunden nun ihre Postangelegenheiten mit dem Briefträger oder in anderen Städten erledigen müssen.
Die Versorgung der Weningser Haushalte mit Wasser erfolgte aus mehreren Brunnen, von denen einige heute noch erhalten sind. Um die Situation zu verbessern, wurden im Jahre 1913 drei Quellen im Oberwald bei Hartmannshain gefasst und von dort eine Rohrleitung bis zum Hochbehälter (»Wasserbassin«) an der Straße nach Gedern gelegt. Zu diesem Leitungsbau, an dem auch viele Weningser Männer mitarbeiteten, musste man morgens gegen vier Uhr in Wenings aufbrechen, um nach etwa zwei Stunden Fußmarsch an die Baustelle zu gelangen. Für einen Tag schwerer Arbeit »mit Hacke und Schippe« am Rohrleitungsgraben, der meistens durch steinigen Vogelsberger Basaltboden führte, erhielten die Arbeiter 5, bis 6, DM Lohn, für den auch noch der zweistündige Heimweg nach der Arbeit in Kauf genommen wurde. Als in den 50er und 60er Jahren das Wasser aus dem Oberwald weniger wurde, mussten zwei neue Bohrungen im Werningser Grund und im Gerhardsschlag sowie die Ergänzung des bestehenden Hochbehälters mit einem neuen an der Schönau die heutige Wasserversorgung sichern. Eine weitere Selbstverständlichkeit für die Menschen von heute, der elektrische Strom, wurde 1920 nach Wenings verlegt und das Ortsnetz eingerichtet.
Obwohl Wenings bereits im Mittelalter Stadtrechte erhielt, blieb es doch immer ein landwirtschaftlich ausgerichteter und geprägter Ort, in dem vor allem die Viehzucht betrieben wurde. Durch die geografische Lage und den Charakter als Festungsstadt waren die Bewohner von jeher auf die Landwirtschaft angewiesen. Gewerbe kam nur in Form von Handwerksbetrieben auf, die für die Landwirtschaft und für den Erhalt der Gebäude der Landesherren (Sommerresidenz) und der Stadtmauern notwendig waren. Es fehlte jedoch an der notwendigen und ausreichenden Wasserkraft, um Industrie ansiedeln zu können, was wiederum verhinderte, dass große Straßen und eine Eisenbahnlinie durch Wenings gelegt wurden.
So blieb die Weningser Bevölkerung immer eng mit der Landwirtschaft verbunden, während diejenigen, die nicht als Bauern arbeiten konnten oder deren Betriebe zu klein wurden (Erbteilung), in die Städte zogen oder – wie oben bereits geschildert – auswanderten. Die landwirtschaftlichen Verhältnisse besserten sich erst in den dreißiger Jahren, als im Rahmen der ersten Flurbereinigung ca. 100ha Nutzfläche aus fürstlich isenburgischem Besitz zur Aufstockung der Betriebe abgegeben wurden. Die Zusammenlegung der durch die bereits erwähnte ständige Teilung zerstückelten Flächen ermöglichte wieder eine wirtschaftliche und rationelle Bearbeitung. Durch die zweite Flurbereinigung im Jahr 1963 mit der Eingliederung der früheren Jungviehweide in Wernings aus gräflich laubach’schem Besitz und der dadurch möglichen Aussiedlung von 21 innerörtlichen landwirtschaftlichen Betrieben wurden weitere Verbesserungen geschaffen. Interessant ist vor dem geschichtlichen Hintergrund, dass die meisten Aussiedlungshöfe auf historischem Siedlungsland errichtet wurden, nämlich dort, wo früher einmal die Dörfer Wernings und Floßbach standen.
Um die Jahrhundertwende 1890/1900, als der aufstrebende industrielle Ballungsraum um Hanau und Frankfurt mit Molkereiprodukten versorgt werden musste, ließ ein Hanauer Buttergroßhändler im Jahre 1895 in Wenings und Burkhards Molkereien bauen und betreiben. Nach manchem Auf und Ab der Molkerei und einem vorübergehenden Stillstand wurde 1925 von acht engagierten Weningsern die Molkerei-Genossenschaft gegründet. Diese konnte sich, als in den dreißiger Jahren viele kleine Molkereien schließen mussten, dank des Zusammenhaltes der Mitglieder und einer umsichtigen Geschäftsführung gegen die Konkurrenz der Großmolkereien behaupten. Nach dem Krieg war sie mit ihren durchschnittlich 18 Arbeitsplätzen und der großen Anzahl an Genossenschaftsmitgliedern (z.B. 1954: 747 Mitglieder aus Wenings und den umliegenden Orten) ein wichtiger Faktor in der heimischen Wirtschaft. Die Selbständigkeit der Weningser Molkerei konnte bis in die achtziger Jahre aufrechterhalten bleiben. Eine Kooperation mit den Großmolkereien MOHA und IMMERGUT ermöglichte es, verschiedene eigene Molkereiprodukte zu produzieren und die nicht gebrauchte Milch an diese Molkereien zu verkaufen. Der ab 1989 sehr stark einsetzende Preisverfall für Molkereiprodukte zwang die Genossenschaft am 24. Oktober 1989 einen weitergehenden Liefer- und Abnahmevertrag mit der Fa. IMMERGUT in Schlüchtern abzuschließen. Dies hatte zur Folge, dass die gesamte Produktion in der Weningser Molkerei eingestellt und die Molkerei-Genossenschaft in eine Milchlieferungs-Genossenschaft umgewandelt wurde. Die Milchlieferungs-Genossenschaft (Mitgliederstand am 31.12.2004: 42) wurde gegründet, um die vorhandene Milchmenge von ca. 15 Mio. Liter pro Jahr auf genossenschaftlicher Basis zu bestmöglichen Konditionen vermarkten zu können. Die Gebäude der ehemaligen Molkerei wurden am 12. Juli 1993 an ein Recycling-Unternehmen aus Schöneck verkauft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als in den Städten und Industriezentren das Wirtschaftswunder begann, sollte die Landbevölkerung in persönlichen und sozialen Einrichtungen nicht zurückstehen. Der hessische Ministerpräsident Dr. h.c. Georg August Zinn betonte in seiner Regierungserklärung am 10. Januar 1951 u.a: »Das Leben auf dem Lande muss lebenswert gemacht werden«. In Wenings war es vor allem Bürgermeister Karl Lang, der mit Hilfe des Gemeinderates und der gesamten Bevölkerung die anstehenden Aufgaben anpackte. In den Jahren 1953 bis 1955 wurde die Kanalisierung neu verlegt und die Ortsstraßen mit einer Teerdecke versehen. Am 14. Juni 1958 wurde das zum Teil in Gemeinschaftsarbeit der Weningser Bürger erbaute Dorfgemeinschaftshaus eingeweiht. Die sozialen Einrichtungen wie Wäscherei, Bäder und Duschen sowie die Gemeinschaftsgefrieranlage waren damals ein großer Fortschritt für die Landbevölkerung. Die Modernisierung in den Haushalten hat sie jedoch in weniger als 20 Jahren überflüssig werden lassen. Der große Gemeinschaftsraum mit Küche und der inzwischen durch einen Anbau vergrößerte Kindergarten sind allerdings heute noch von großer Bedeutung.
Zur Instandhaltung der Feldwege und Gräben wurde 1965 der „Feldwegeverband Vogelberg“ als kommunaler Zweckverband und Dienstleistungsunternehmen gegründet. Im Laufe der folgenden Jahre wurde durch mehrere Neubauten am Bauhof in Wernings und Erweiterung der kommunalen Dienstleistungen in den angeschlossenen Mitgliedsgemeinden der Aufgabenbereich deutlich vergrößert (z.B. Winterdienst). Diese Arbeiten werden von 15 Mitarbeitern und dem dazu nötigen Fuhr- und Maschinenpark (Bagger, Lkw u.a.) verrichtet. Inzwischen gehören dem Feldwegeverband 15 Gemeinden mit 107 Ortsteilen und 135.000 Einwohnern auf einer Fläche von 750 km2 an. Die räumliche Ausdehnung erstreckt sich über den Wetteraukreis, Vogelsbergkreis und Main-Kinzig-Kreis.
Die beiden Kriege des 20. Jahrhunderts hinterließen auch in Wenings ihre Spuren. Aus dem Ersten Weltkrieg kehrten 41 und aus dem Zweiten Weltkrieg 65 Weningser Männer nicht mehr in ihre Heimat zurück. Für sie wurden zwei Denkmale errichtet. Jedes Jahr am Volkstrauertag findet dort eine Gedenkfeier statt.
Als Zeichen der Völkerverständigung wurde die noch von Bürgermeister Karl Lang und seinem französischen Amtskollegen Jean-Marc Gernigon begonnene Freundschaft mit dem französischen Ort Nucourt im Juli 1970 zu einer offiziellen Verschwisterung der beiden Gemeinden erklärt. Dieser Weg der europäischen Verständigung mit Begegnungen von Deutschen und Franzosen trägt dazu bei, dass alte Gräben zugeschüttet werden und sich die Menschen beider Nationen besser kennen lernen. Als äußeres Zeichen der Verbundenheit wurde der Platz am früheren »Kegelhaus« neu gestaltet und ihm der Name »Platz Nucourt« gegeben. Ebenso wurde in Nucourt ein zentraler Platz in „Place Wenings“ umbenannt. Neben den im zweijährigen Rhythmus stattfindenden Delegationsbesuchen in den verschwisterten Gemeinden, kommen die inzwischen tief verwurzelten persönlichen Freundschaften einzelner Familien in Nucourt und Wenings in zahlreichen gegenseitigen Besuchen zum Ausdruck. Um die immer stärker werdenden organisatorischen Belange der Partnerschaft kümmert sich der im September 1997 gegründete Verschwisterungsverein Wenings/Nucourt. Zum 25jährigen Jubiläum der Partnerschaft 1994 wurde der „Platz Nucourt“ neu gestaltet und der neue „Europa-Brunnen“ eingeweiht.
Seit der hessischen Gebietsreform im Jahre 1972 gehört Wenings als Stadtteil zur Stadt Gedern und wird von dort verwaltet. Das Baugebiet „Am Bäders“ hat in den letzten Jahren entscheidend zur Fortentwicklung von Wenings beigetragen und soll im Jahre 2005 mit ca. 60 neuen Bauplätzen die heutige Einwohnerzahl von 1.328 (Stand: Sept. 2004) weiter steigen lassen, damit die derzeitige gute Infrastruktur in Wenings auch für die Zukunft gesichert werden kann.
Die Weningser Vereine:
Gesangverein 1843 Wenings, Freiwillige Feuerwehr Wenings
Fußballverein VfR Wenings, Landfrauenverein Wenings
Wanderfreunde Wenings, Reservistenkameradschaft Wenings
Verschwisterungsverein Wenings/Nucourt, VdK Ortsgr. Wenings
mit ihren zahlreichen Veranstaltungen sorgen für ein vielseitiges kulturelles Angebot, welches in vielen Gemeinden auf dem Lande nicht selbstverständlich ist.
Das große Fest „650 Jahre Stadtrechte in Wenings“ im Jahre 1986, sowie viele andere Gelegenheiten sollten und sollen auch weiterhin dazu beitragen, die Geschichte und die Tradition der Stadt Wenings den Weningser Bürgern im Bewusstsein zu erhalten.
Fotos und Reproduktionen: Hans Erich Kehm
Quellen: Heimatblätter für den Kreis Büdingen
von Karl Heuson und Hans Velten Heuson







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